Wissensupdate

Visuelle Abhängigkeit nach VKB-Reha: Strobobrillen senken Sprungleistung

Athlet:innen nach VKB-Rekonstruktion zeigen unter stroboskopischer Sicht deutlich geringere Einbein-Sprungleistungen als gesunde Kontrollpersonen. Dies weist auf eine stärkere visuelle Abhängigkeit hin – ein wichtiger Aspekt, um sensomotorische Strategien in der Reha gezielt zu verbessern.

Hintergrund

Eine Verletzung des vorderen Kreuzbands (VKB) stellt für junge Sportler:innen ein gravierendes Ereignis dar: Nur etwa 65% kehren nach einer Rekonstruktion (VKBR) auf ihr ursprüngliches Sportniveau zurück, und bis zu 25% erleiden innerhalb von zwei Jahren eine erneute Ruptur. Obwohl die in den letzten Jahren entwickelten kriterienbasierten Rehabilitationsprogramme eine deutlich bessere Unterstützung bieten bei Return-to-Sport- und Return-to-Performance-Entscheidungen, fehlen bislang geeignete Tests und Kriterien zum Beispiel zu komplexeren motorischen Aufgaben. 

Studien zeigen, dass eine VKB-Verletzung neurophysiologische Veränderungen hervorruft – insbesondere eine beeinträchtigte propriozeptive Rückmeldung aus dem verletzten Gelenk. Dadurch ist das zentrale Nervensystem gezwungen, stärker auf andere Informationsquellen wie Bereiche der somatosensorischen Verarbeitung und das visuelle System zurückzugreifen. 

Diese visuelle Abhängigkeit wurde bislang vor allem in einfachen Balanceaufgaben untersucht. Da jedoch Hop-Tests komplexere Anforderungen an das zentrale Nervensystem stellen und häufig zur Beurteilung der Rehabilitationsfortschritte genutzt werden, könnte ihre Durchführung unter stroboskopischer Sicht neue Erkenntnisse über die Rolle visueller Kontrolle in der postoperativen Bewegungssteuerung liefern.

Studiendesign und Fragestellung

In einer Fall-Kontroll-Studie (Case-Control Study) untersuchten Nienke van Rozendaal von der Universität Amsterdam und Kolleg:innen, ob stroboskopische Sicht die Sprungweite beim Single-Leg Hop for Distance (SLHD) beeinflusst. Die Teilnehmer:innen trugen dafür Strobobrillen, die visuelle Information intermittierend unterbrechen. Teilgenommen haben Athlet:innen von 18 bis 35 Jahren, 9 bis 24 Monate nach einer VKBR, mit mindestens 0 Grad Extension, geringer Schwellung (Streichtest ≤2) und geringen Schmerzen bei sportlichen Aktivitäten (VAS ≤3). Zudem wurde untersucht, ob diese Beeinträchtigung bei den operierten Athlet:innen stärker ausgeprägt ist als bei Kontrollpersonen, die hinsichtlich Alter, Sportart und -niveau gematcht waren. 

Nach einem zehnminütigen Aufwärmprogramm absolvierten sowohl die Patient:innen als auch die Kontrollpersonen jeweils drei Sprünge pro Bein. Die Reihenfolge – Start mit oder ohne Strobobrille sowie mit dem operierten bzw. dem nicht-operierten Bein – wurde randomisiert festgelegt.

Welche Ergebnisse haben sich gezeigt?

Insgesamt nahmen 17 Patient:innen nach VKBR und 17 gesunde Kontrollpersonen an der Studie teil (Durchschnittsalter 25 Jahre, Tegner 7 Punkte, bei den Patient:innen lag die VKBR im Mittel 17 Monate zurück). 

Die durchschnittliche Sprungweite der Patient:innen betrug bei normaler Sicht 125 cm (95%-KI: 115–135) für das verletzte Bein und 126 cm (95%-KI: 116–135) für das unverletzte Bein. Unter stroboskopischer Sicht sank sie auf 109 cm (95%-KI: 97–121) bzw. 112 cm (95 %-KI: 101–123). 

Bei den gesunden Kontrollpersonen betrug die durchschnittliche Sprungweite bei normaler Sicht 120 cm (95%-KI: 107–133) für das schwächer abschneidende Bein und 131 cm (95%-KI: 117–145) für das besser abschneidende Bein. Unter stroboskopischer Sicht lag sie bei 119 cm (95%-KI: 107–133) bzw. 123 cm (95%-KI: 109–138). 

Der Hauptbefund dieser Studie ist somit, dass die stroboskopische Sicht die Leistung beider Gruppen im SLHD beeinträchtigte – jedoch deutlich stärker bei den VKBR-Athlet:innen. Die Sprungweite verringerte sich nämlich in dieser Gruppe um 17%, während der Rückgang in der Kontrollgruppe nur 5% betrug.

Einordnung der Ergebnisse für die Praxis

Die Ergebnisse dieser Studie deuten darauf hin, dass Athlet:innen nach VKBR auch in der späten Rehabilitationsphase stärker auf visuelle Informationen angewiesen sind als Gesunde. Besonders interessant ist die Beobachtung, dass in dieser Studie auch die Leistung des nicht-operierten Beins unter stroboskopischer Sicht stärker reduziert war. Dies könnte eine Erklärung für das erhöhte Verletzungsrisiko nach VKB-Ruptur des kontralateralen Beines liefern. 

In der (Sport-)Physiotherapie werden koordinative Übungen häufig auch mit geschlossenen Augen durchgeführt – meist jedoch im Rahmen einfacher motorischer Aufgaben, wie etwa dem Einbeinstand. Aber gerade bei komplexeren Bewegungsaufgaben, wie sie in Spiel- und Wettkampfsituationen auftreten, kann das visuelle System rasch überfordert sein. Eine solche Überlastung könnte wiederum das Risiko einer VKB-Verletzung erhöhen.

Take Home Messages:


Quelle: van Rozendaal, N., Tak, I., Barendrecht, M., Jongerius, N., & Gokeler, A. (2025). Effect of Stroboscopic Vision on Single Leg Hop for Distance Performance in Athletes after Anterior Cruciate Ligament Reconstruction: a case-control study. Physical Therapy in Sport.

Autor: Dr. Martin Ophey

Reviewer: Nils Borgstedt

KI: Für die Recherche und die inhaltliche Erstellung des Beitrags kam keine künstliche Intelligenz zum Einsatz.

Interessenskonflikt: Der Autor gibt keinen Interessenkonflikt an.