Wissensupdate

Expertenkonsens zum Aspetar-Reha-Konzept bei Rectus-Femoris-Verletzungen

Das Aspetar-Reha-Konzept für Rectus-Femoris-Verletzungen wurde von 27 Experten aus dem Spitzensport bewertet. Die Übereinstimmung mit den vorgeschlagenen Inhalten war hoch (89 %), was für eine gute klinische Akzeptanz und Praxisnähe des kriterienbasierten Konzepts spricht.

Hintergrund

Rectus-femoris (RF)-Verletzungen gehören zu den häufigsten Muskelverletzungen im Spitzensport, insbesondere in Sportarten mit hohen Anforderungen an Sprinten und Kicken. Im Profifußball machen Quadrizepsverletzungen etwa 6 % aller Verletzungen aus, wobei rund 90 % dieser Verletzungen den RF betreffen. Zudem weisen sie hohe Rezidivraten auf: Etwa jede fünfte Verletzung tritt erneut auf, davon mehr als die Hälfte der Rezidive innerhalb der ersten zwei Monate nach der Rückkehr in den Sport.

Trotz dieser klinischen Relevanz existiert bislang nur begrenzte hochwertige Evidenz zur Rehabilitation von RF-Verletzungen, und bestehende Rehabilitationsansätze berücksichtigen die komplexen funktionellen Anforderungen des Muskels möglicherweise nicht ausreichend. Zwar wurden einzelne Bestandteile der Rehabilitation – beispielsweise Krafttraining – wissenschaftlich untersucht, jedoch fehlen umfassende, kriterienbasierte und multifaktorielle Reha-Konzepte.

Vor diesem Hintergrund wurde am Aspetar Orthopaedic and Sports Medicine Hospital (Doha, Katar) ein strukturiertes Reha-Konzept für Elite- und Hochleistungssportler mit RF-Verletzungen entwickelt. Dieses Konzept soll als multidisziplinäres Rahmenwerk verstanden werden, die klinischen Entscheidungsprozesse unterstützen, die Versorgungsqualität verbessern und vorhandene Evidenz sowie Best-Practice-Empfehlungen in eine praxisnahe Struktur überführen.

Fragestellung und Studiendesign

Ziel der vorliegenden Studie war es, das Aspetar-Reha-Konzept für RF-Verletzungen von erfahrenen Praktikern aus dem Spitzensport hinsichtlich inhaltlicher Qualität, klinischer Akzeptanz und Übereinstimmung mit der aktuellen Praxis bewerten zu lassen.  

Erfahrene Rehabilitationsfachkräfte (überwiegend Physiotherapeuten) des Aspetar Orthopaedic and Sports Medicine Hospital in Doha, Katar, entwickelten ein Rehabilitationskonzept für RF-Verletzungen, das acht Bereiche umfasste: Befundung, Meilensteine, Kraft, motorische Kontrolle, Explosivität und Reaktivkraft, Lauftraining, Kicken sowie Wochenplanung. Nach einer internen Überarbeitung wurde ein Entwurf des Konzepts an Fachpersonen verteilt, die am Pre-Conference-Workshop der Aspetar International Rehabilitation Conference 2024 teilnahmen (N = 32). Die Teilnehmenden bewerteten ihre Zustimmung zu den Kernelementen mittels einer 5-stufigen Likert-Skala (a priori festgelegter Schwellenwert für hohe Übereinstimmung: 75 %). Die Antworten der Befragung (N = 27) wurden deskriptiv ausgewertet.

Welche Ergebnisse haben sich gezeigt?

Die Gesamtübereinstimmung war hoch (89 %), während die Ablehnung gering ausfiel (2 %). Zudem wurde jeder Teilbereich für sich mittels der Likert-Skala bewertet. Der Bereich Lauftraining erzielte die höchste Zustimmung (94 %), Krafttraining wies die geringste Ablehnung auf (0 %). Die Wochenplanung erhielt als einziger Bereich nicht den vorab definierten Schwellenwert für eine hohe Übereinstimmung (67%). Explosivkraft und Reaktivkraft wiesen die höchste Ablehnungsrate auf (6 %).

Die Ergebnisse zeigen eine hohe Übereinstimmung hinsichtlich der zentralen Bestandteile eines kriterienbasierten, multifaktoriellen Rehabilitationskonzepts. Allerdings weisen sie zugleich auf sportartspezifische und organisatorische Einschränkungen bei dessen Umsetzung hin.

Die Autoren schlussfolgern daraus, dass aufgrund der hohen Zustimmung der befragten Rehabilitationsfachkräfte, das Aspetar-Rehabilitationskonzept mit den gegenwärtigen Rehabilitationspraktiken im Spitzensport weitgehend übereinstimmt.

Einordnung der Ergebnisse für die Praxis

Die vorliegende Studie kann durchaus als Meilenstein für die strukturierte Rehabilitation von Rectus-femoris-Verletzungen angesehen werden. Dennoch sollten einige Einschränkungen berücksichtigt werden. So ist ein möglicher Selektions- und Zustimmungsbias nicht auszuschließen, da die Studienteilnehmer gleichzeitig Teilnehmer eines von Aspetar organisierten Workshops waren. Darüber hinaus ist festzuhalten, dass die Studie keinen Wirksamkeitsnachweis erbracht hat. Es wurde nicht untersucht, ob das vorgestellte Rehabilitationskonzept zu einer schnelleren Rückkehr in den Sport, besseren funktionellen Ergebnissen oder geringeren Rezidivraten führt als eine übliche Versorgung („usual care“).

Das Rehabilitationskonzept liefert jedoch zahlreiche praxisrelevante Orientierungspunkte für die klinische Entscheidungsfindung. Hierzu zählen beispielsweise Kraft- und Schmerztests mittels Hand-held-Dynamometer in endgradigen Gelenkstellungen. In der Akutphase sollte die Schmerzintensität während der Rehabilitation ≤ 4/10 betragen, in der anschließenden Reloading-Phase maximal ≤ 2/10. Darüber hinaus empfehlen die Autoren beispielsweise Leg Extensions bei 40° Hüftflexion („reclined“), um die Aktivierung des M. rectus femoris zu erhöhen.

Die weiteren Rehabilitationsphasen gliedern sich in die Abschnitte „Strength & Running Volume“, „High-Speed Running & Drill-Based Training“, „Game Scenarios, Intensity & Volume“ sowie „Return to Performance & Robustness“. Insgesamt bietet das Konzept einen strukturierten und kriterienbasierten Rahmen für die Rehabilitation von Rectus-femoris-Verletzungen. Sämtliche Details, Progressionskriterien und Übungsbeispiele sind im frei zugänglichen Online-Anhang der Studie beschrieben.

Take Home Messages:


Quelle: Wallace S, Simpson D, Mc Keever H, et al. The Aspetar Rectus Femoris Injury Rehabilitation Pathway. Journal of Orthopaedic Sports Physical Therapy Open 2026; 1–32. doi:10.2519/JOSPTOPEN.2026.0212

Der Artikel ist ‘open access‘ publiziert.

Autor: Dr. Martin Ophey

Reviewer: Nils Borgstedt

KI: Für die inhaltliche Erstellung des Beitrags kam keine künstliche Intelligenz zum Einsatz.

Interessenkonflikt: Der Autor gibt keinen Interessenkonflikt an.